Als erstes kann ich nur sagen, dass mir dieses Praktikum sehr viel gegeben hat. Ich habe ein Stück Lebenserfahrung gewonnen, das anders kaum möglich gewesen wäre. Mir hat das Erleben einer mir relativ fremden Kultur und Lebenseinstellung in religiösen und kulturellen Dingen sehr viel Spaß gemacht, und ich würde es jederzeit wieder machen.
Ich habe als Einzige aus der Gruppe meine Zeit im Mathe Department verbracht. Dort wurde ich in die Gruppe des „Research Experience for Undergraduates“ Programm integriert. Das REU ermöglicht Undergraduate Students vom College einen Einblick in Forschung zu bekommen, bevor sie sich an Graduate Schools für einen Master oder Doktor bewerben. Sie erhalten dort die Möglichkeit, zwei Monate in einer betreuten Gruppe zu forschen und ihre Ergebnisse danach zu veröffentlichen. Die Projekte der Teilnehmer waren wirklich sehr interessant, leider reichten meine mathematischen Kenntnisse bei weitem nicht aus, um in einem der Teilprojekte mitarbeiten zu können, deshalb bekam ich ein eigenes Projekt.


Für mein Projekt habe ich mich erst mit einer Veröffentlichung des Professors zu dreidimensionalen Körpern befasst, deren Ableitung des Volumens die Oberfläche gibt. Ich verbrachte dabei einige Zeit damit, mir „mathematisches Vokabular“ anzueignen, da es sonst für mich sehr schwer gewesen wäre, Fragen zu einigen Sachverhalten zu stellen. Als Grundlage wird der Kreis betrachtet, bezogen auf Fläche und Umfang (πr²=>2πr). Beim Quadrat funktioniert derselbe Zusammenhang, solange man es über den Innenkreisradius r beschreibt, eine Kante hat dann jeweils 2r (4r²=>8r). Meine Aufgabe war dann, für ein allgemeines Rechteck in R² ein allgemeines r zu finden, mit dem man das Rechteck so beschreiben kann, dass die Ableitung wieder der Umfang ist. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen stand schnell die Theorie im Raum, dass dies wohl kaum möglich sei, was mein Betreuer dann auch beweisen konnte, wozu mir leider wiederum die Erfahrung fehlte. Danach habe ich mich noch mit verschiedenen L und Würfelformen in unterschiedlichen Dimensionen beschäftigt und darüber eine Möglichkeit entwickelt, von der Ableitung des Volumens eines Prismas, die von der eigentlichen Oberfläche unterschiedlich ist, die gesuchte Oberfläche zu erhalten. Für diese Fragestellung entwickelte ich zwei unterschiedliche Formeln, die mit einer allgemeinen Dimensionenanzahl anwendbar sind. Für die Erarbeitung beschäftigte ich mich auch mit einem vierdimensionalen Würfel.
Ein persönliches Highlight für mich waren die Montage, der Vortragsmorgen mit amerikanischem Bagelfrühstück, an dem alle anderen Teilnehmer ihre Projekte in einer Präsentation vorstellten. Daran konnte ich sehr gut ablesen, wie mein eigenes Verständnis einerseits von mathematischen Vokabeln, andererseits aber auch, von mathematischer Seite, den minimalen Oberflächen sogenannter „wavy planes“ oder einer speziellen Graphentheorie im Laufe des Projekts sich stark verbesserte.
Trotzdem habe ich einen wirklich wertvollen Einblick in mathematische Forschung auf sehr hohem Niveau und an sehr aktuellen Themen bekommen. Mir hat die allgemeine Atmosphäre des Projekts sehr gut gefallen, jeder war sehr motiviert möglichst viel aus seiner Zeit mitzunehmen.
Aus meiner Arbeit an diesem Projekt habe ich sehr viele wertvolle Dinge gelernt. Ich denke, dass ich durch die intensive Beschäftigung mit nur einem Thema gelernt habe, dass man mathematische Sachverhalte von unterschiedlichen Seiten betrachten muss und sich nicht nur auf ein „Mathebuchkapitel“ beschränken darf, um die Lösung zu manchen Dingen zu finden, sondern dass man meistens eine große Portion „um die Ecke denken“ braucht. Ein Betreuer brachte mir die Beweisführung über Induktion bei, was mir sehr viel Spaß gemacht hat und deren allgemeines Prinzip mir im Matheunterricht soweit nie klar geworden war.
Die REU Studenten waren sehr freundlich zu mir, und ich habe mich schnell in die Gruppe integriert gefühlt, was mir sehr wichtig war, und in den gemeinsamen Mittagspausen konnte ich viel über Amerikanisches Collegeleben erfahren. Auch die Group Activities der Mathe Gruppe wie Fußball, Grillen oder Kino, an der auch die ganze deutsche Gruppe teilnahm, waren rundum positive Erlebnisse.
Auch in meine Gastfamilie wurde ich gut aufgenommen. Mein Alltag dort wurde stark von den religiösen Vorstellungen der LDS-church geprägt. Der Umgang mit Religiosität dort war für mich ungewohnt offen. Ich war eingeladen, an den morgen- und abendlichen Familiengebeten teilzunehmen, genauso wie vor jeder Mahlzeit. Das gemeinsame Gebet vor dem Essen wird auch nicht bei einem Picknick in einer großen Gruppe ausgelassen, genauso wenig wie vorm Mathe-Barbecue. Die Gottesdienste am Sonntagnachmittag unterscheiden sich stark von dem, was ich gewohnt bin. Auf eine einstündige Versammlung der ganzen Gemeinde mit Gesang, Abendmahl, Abstimmungen zu verschiedenen Themen und teils für mich ungewohnt emotionalen Rednern folgten weitere zwei Stunden Bibelunterricht, aufgeteilt in Altersgruppen und Geschlecht. Die Jugendlichen gehen sehr offen und überzeugt mit ihrer Religion um. Durch die Kirche spielt die Familie eine sehr große Rolle. Der Sonntag ist der Familie gewidmet, genauso wie der Montagabend, an dem religiöse Ansichten diskutiert wird, aus dem Book of Mormon gelesen und etwas gemeinsam unternommen wird.
Ich verstand mich sehr gut mit meiner 15-jährigen Gastschwester Abi. Zusammen mit ihr hatte die Möglichkeit, dreimal die Woche mit ihr um 6 Uhr morgens(danach wäre es zu warm) zum Fußballtraining zu gehen, sie brachte mir viele Kartenspiele bei, wir kochten gemeinsam oder besuchten Freunde. Abends sah ich oft Filme oder Fußball World Cup zusammen mit Abi. Der Sonntag ist vollends der Familie und der Kirche gewidmet, nach langem Ausschlafen wird bis zur Kirche um eins „relaxt“, eventuell gespielt oder ein Film angeschaut, nach der Kirche wird das Dinner vorbereitet, und nach dem Dinner gibt es Gesellschaftsspiele.
Eine interessante Begebenheit für mich war mein Versuch, mit Abi einen „typical German cake“, Streuselkuchen zu machen. Während dem Backen wunderten wir uns immer wieder, warum es denn so komisch roch, schoben es schlussendlich auf den Ofen. Als wir jedoch den Kuchen aus dem Ofen nahmen stellten wir fest, dass der Kiefernbusch vor dem Grundstück in Flammen stand, ein Passant fing bereits mit dem Löschen an. Der Isolator der darüber liegenden Stromleitung war geschmolzen und heruntergefallen, der Strommast drohte Feuer zu fangen. Die Feuerwehr kam, als das Feuer bereits gelöscht war, wir boten ihnen Streuselkuchen an (salzige Butter in den Streuseln, mir fiel es erst danach auf…).Sie freuten sich sehr über das komische „dessert“…
Die zahlreichen Ausflüge, die wir mit Justin Peatross unternahmen, haben mir sehr viel Spaß gemacht, weil wir dadurch die Möglichkeit hatten, einen wirklichen Ein- und Überblick über Utah zu bekommen, den ich sonst wirklich sehr vermisst hätte. Auf den Fahrten zu Nationalparks lernten wir die schier unvorstellbare, unendliche Weite Utahs kennen, die sich oft im platten Wüstensand, oft in hohen grünen Bergen vor uns erstreckte. Die charakteristische unendliche, unbesiedelte Weite des Landes auf unseren Autofahrten fand ich sehr beeindruckend. Die Nationalparks sind jeder für sich vollkommen unterschiedlich und absolut beeindruckend. Besonders großen Spaß hat mir die mehrtägige Tour zum Zions Nationalpark gemacht.